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[ 27.07.2009 ]

IV OÖ: Professionelles Werben um die besten Köpfe erforderlich!

Haindl-Grutsch: Die Attraktivität einer Region für hochqualifizierten Menschen wird zum wichtigen Wettbewerbsfaktor im Standortwettbewerb – Studie zeigt deutlichen Handlungsbedarf für Oberösterreich auf: International sichtbares Standortkonzept, international akkreditierte Schulen und mehr Weltoffenheit sind Hauptstoßrichtungen

Oberösterreich hat sich in den letzten zehn Jahren in vielen wirtschaftlichen Bereichen zur Benchmark-Region in Österreich entwickelt. Im Zuge eines vielschichtigen Aufholprozesses wurden viele Rahmenbedingungen für den Standort deutlich verbessert, gleichzeitig gelang es einer Vielzahl von Betrieben, auf den globalisierten Märkten eine führende Rolle einzunehmen. Die Internationalisierung der oberösterreichischen Industrie und der Forschungseinrichtungen, die Ansiedelung ausländischer Konzerne, die Öffnung der Grenzen und die damit verbundene Steigerung der Mobilität stellen neue Ansprüche an den Standort. Der internationale Austausch von Führungskräften und Forschern hat zugenommen, wie Dr. Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) erklärt: „Ausländische Hochqualifizierte kommen verstärkt in den oberösterreichischen Zentralraum, heimische Spitzenkräfte werden vermehrt in ausländische Niederlassungen unserer Unternehmen entsandt."

 

Parallel dazu sieht sich Oberösterreich mit einem beachtlichen Brain Drain - einem Abfluss von Hochqualifizierten - konfrontiert. Rund 70 Prozent aller oberösterreichischen Uni-Studenten beginnen ihr Studium in einem anderen Bundesland, viele kommen nicht mehr zurück und gehen damit dem oberösterreichischen Arbeitsmarkt verloren. „Oberösterreich als Region generell und die oberösterreichische Industrie im Speziellen bräuchte aber keinen Brain-Drain, sondern einen Brain-Gain und damit eine Zuwanderung von Spitzenkräften", meint Haindl-Grutsch. Nicht nur Metropolregionen sondern auch immer mehr Städte und Regionen in vergleichbarer Größe mit dem oberösterreichischen Zentralraum zeigen vor, wie man aktiv um Hochqualifizierte wirbt und attraktiv wird für Leistungsträger. Somit stehe Oberösterreich in einem Wettbewerb um die besten Köpfe aus Industrie, Wissenschaft und Kreativbereich.

 

Attraktivität für ausländische Hochqualifizierte und internationale Headquarter

 

Aus den bisherigen Erfahrungen der heimischen Industrie lässt sich behaupten, dass gerade diesbezüglich noch Aufholbedarf besteht. Da sich die europäischen Regionen hinsichtlich ihrer „harten Standortbedingungen" wie Infrastruktur oder Steuerpolitik immer weiter angleichen, gewinnen die Soft facts sowohl bei der Standortentscheidung internationaler Konzerne als auch bei der Zuwanderung von Expatriates immer mehr an Bedeutung. „Beim Bedienen von Anfragen, der Bereitstellung von Betriebsflächen, der Abwicklung von Genehmigungsverfahren und der Aufbereitung des Standortes für ausländische Unternehmen ist Oberösterreich vorbildlich. Wenn es darum geht, Führungskräfte, die als Expatriates nach Oberösterreich kommen, zu servicieren, aktiv um Hochqualifizierte zu werben oder eine international sichtbare Headquarterpolitik zu betreiben, haben wir noch Aufholpotenzial", so Haindl-Grutsch. Welche Faktoren aber sind es, die einen Standort für hochqualifizierte Zuwanderer interessant werden und eine Region international sichtbar werden lässt? Die IV OÖ hat sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt und eine Studie über die Attraktivität des oberösterreichischen Zentralraumes für internationale Spitzenkräfte und die damit verbundenen Schlüsselfaktoren erstellen lassen. Darin wurden Linz und der oberösterreichische Zentralraum mit ähnlich großen Regionen verglichen und insgesamt 16 Interviews mit Expatriates aus den Bereichen Industrie, Wissenschaft und Kunst / Kultur durchgeführt.

 

Grundlegende Daten und Zahlen

 

  • 13,2 Prozent der oberösterreichischen Bevölkerung sind Personen ausländischer Herkunft. Damit liegt Oberösterreich unter dem österreichischen Schnitt von 16,6 Prozent.
  • Die Migranten sind überproportional in den höchsten und niedrigsten Bildungsschichten vertreten.
  • Trotz des akuten Arbeitskräftemangels im letzten Jahr wurden 2008 nur 150 Anträge bzw. Bewilligungen für Personen als Schlüsselarbeitskräfte in Oberösterreich ausgestellt; das zur Verfügung stehende Kontingent (225 Personen) wurde damit nur zu 67 Prozent ausgeschöpft. Bisher kam es lediglich im Jahr 2006 zur Ausschöpfung des Kontingentes.
  • Hinsichtlich der Mobilität von Wissenschaftern ist festzustellen, dass die Kunstuniversität Linz mit über 60 Personen p.a. deutlich mehr ausländische Wissenschafter als die Johannes Kepler Universität anziehen konnte.
  • Der Anteil ausländischer Studierender in Oberösterreich (9,9 %) liegt weit unter dem Österreich-Schnitt (21,1 % / Universitäten inkl. Fachhochschulen), an den österreichischen Universitäten lag er im Wintersemester 2008 bei 22,5 %, während der Anteil ausländischer Studierender an der Johannes Kepler Universität lediglich bei 10,8 % lag.

Schlüsselfaktoren zur Attraktion von Hochqualifizierten

 

Aus den zahlreichen analysierten Studien und Rankings konnten folgende Schlüsselfaktoren für die Entscheidung von internationalen Spitzenkräften, sich in einem bestimmten Land niederzulassen, abgeleitet:

  • Personenbezogene Standortkriterien umfassen die beruflichen und karrierebezogenen Möglichkeiten und Potenziale eines Standortes; sie bilden eine Grundvoraussetzung für die Standortentscheidung: Arbeitsmöglichkeiten, Karrieremöglichkeiten, berufliche und private Netzwerke
  • Basisansprüche an den Standort beschreiben jene Faktoren, die von Relevanz für das tägliche Leben der Hochqualifizierten und ihre Familien sind: Verständigung, Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Lebenskosten, lokale Vernetzung, globale Vernetzung, digitale Vernetzung, Klima und Umweltbelastung
  • Gesellschaftliche Rahmenbedingungen zielen auf das generelle gesellschaftliche und politische Klima einer Region ab: Toleranz, Vertrauen, Selbstdarstellung, politisches Umfeld und Regierung, Verwaltung und Behörden, Unternehmensführung und Unternehmenskultur
  • Life Balance-Faktoren beschreiben insbesondere die Lebensqualität und die Attraktivität der Möglichkeiten der Freizeitgestaltung: Schönheit und Authentizität der Region, Nähe zu (Metropol-) Regionen, Lebensrhythmus, Freizeitmöglichkeiten

Oberösterreich aus der Sicht von ausländischen Spitzenkräften

 

Bei der Analyse internationaler Standortrankings und Standortstudien scheint Linz nicht auf, auch Oberösterreich ist in vielen europäischen Rankings nicht vertreten. Seitens der in Oberösterreich ansässigen Expatriates werden Basel, Heidelberg und Freiburg am häufigsten als Vergleichsregionen für Linz genannt.

Die ausländischen Hochqualifizierten kamen meist aus beruflichen Gründen und der speziellen Anreize der Arbeitgeber wegen nach Linz bzw. Oberösterreich. Dabei beeinflussten auch die Lebenspartner die Entscheidung, vielfach standen mehrere Regionen zur Auswahl. Im Zuge der Vorbereitung auf die Übersiedelung wurden die im Internet auffindbaren Informationen als verbesserungswürdig beurteilt; große Informationsdefizite bestanden vor allem bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Auch Informationen in englischer Sprache wären für die befragten ausländischen Spitzenkräfte hilfreich gewesen.

Ausländische Manager wurden - insbesondere durch die Arbeitgeber - sehr gut bei Übersiedelung begleitet. Die Unterstützung im wissenschaftlichen Bereich war äußerst unterschiedlich ausgeprägt, die Hochqualifizierten im Kreativbereich erhielten kaum Unterstützung. Bereiche, in denen der direkte Support dringend zu verbessern wäre, sind die Begleitung bei der Erledigung behördlicher Angelegenheiten, die Verfügbarkeit von englischsprachigen Informationen und von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Die durchwegs sehr hohen Erwartungen an das Umfeld in Linz bzw. Oberösterreich wurden nur zum Teil erfüllt. Insbesondere in der erlebten Internationalität des Standorts (Verständigungsmöglichkeiten in Englisch), bei der Verfügbarkeit von international akkreditierten Schulen und englischsprachigen Kindergärten wurde ein dringender Verbesserungsbedarf geäußert.

 

Beinahe beschämend waren die Aussagen der meisten Befragten hinsichtlich der wahrgenommenen Fremdenfeindlichkeit. Dabei wurden einerseits direkte persönliche negative Erlebnisse genannt, andererseits auch öffentlich sichtbare ausländerfeindliche Politikkampagnen, die für Irritationen sorgten.

Grundsätzlich haben die ausländischen Hochqualifizierten eine sehr gute Meinung über Linz und Oberösterreich; positiv gesehen werden die dynamische und starke Wirtschaft, die landschaftliche Schönheit und die wahrgenommene zukunftsorientierte Stimmung. Trotzdem wird dem oberösterreichischen Zentralraum unter dem Aspekt der Internationalität des Standortes von den Befragten noch viel Weiterentwicklungspotenzial zugewiesen.

 

Strategische Ansatzpunkte zur Steigerung der Attraktivität

 

„Linz und der oberösterreichische Zentralraum müssen international sichtbarer und attraktiver für ausländische Hochqualifizierte positioniert werden", schließt IV OÖ-Geschäftsführer Dr. Joachim Haindl-Grutsch aus den Ergebnissen der Studie. Aus Sicht der oberösterreichischen Industrie müssen hierzu folgende Handlungslinien umgesetzt werden:

  • Aktive Begleitung in „Alltagsfragen" von neuankommenden Spitzenkräften und Einrichtung eines „Expressschalters" zur raschen Abwicklung von Behördengängen
  • Verbesserung der Karrieremöglichkeiten für hochqualifizierte Wissenschafter, um diese gezielt am Standort halten zu können
  • Erhöhung der Verfügbarkeit von englischsprachigen Kindergärten in Oberösterreich und Einführung von englischsprachigen Kindergärten in allen Bezirken
  • Errichtung von öffentlich zugänglichen, international akkreditierten Schulen im oberösterreichischen Zentralraum, um einerseits eine durchgängige internationale Schulausbildung zu gewährleisten und andererseits die internationale Sichtbarkeit der Ausbildungsmöglichkeiten in Oberösterreich zu verbessern
  • Investitionen der öffentlichen Hand zur Verbesserung der innereuropäischen Fluganbindungen des Flughafens Linz
  • Sicherstellung von Informationen in Fremdsprachen zum Beispiel auf öffentlichen Homepages oder bei Behörden, um als Standort internationaler aufzutreten und um diese Internationalität auch zu leben
  • Anpassung der Öffnungszeiten von Geschäften und Lokalen an internationale Standards, insbesondere die Öffnungszeiten von Geschäften sollten abends und an den Wochenenden ausgeweitet werden
  • Proaktives Entgegenwirken dem fremdenfeindlichen Image und Stärkung der interkulturellen Offenheit
  • Erstellung eines international sichtbaren Standortkonzeptes und -profils für den Großraum Linz und Oberösterreich, Schaffung eines regionalen und internationalen „Brandings"

Die Analyse mehrerer mit Linz vergleichbarer Städte bzw. Regionen hat vor allem eines aufgezeigt: Auch abseits der Hauptstädte ist für Regionen in vergleichbarer Größe mit dem Großraum Linz eine internationale Sichtbarkeit und Attraktivität möglich und notwendig. Erfolgreiche Städte und Regionen schaffen ein internationales Branding und arbeiten damit kontinuierlich an ihrem Image. „Die Kreation der Marke ‚Metrobasel' für die Stadt Basel und das mit ihr verbundene Umland ist ein hervorragendes Beispiel, wie ein internationales Branding aufgebaut werden kann", erklärt Haindl-Grutsch. Die Verfolgung klarer Standortkonzepte mit internationaler Ausrichtung, aktives Zugehen auf Hochqualifizierte und die Einrichtung hervorragender infrastrukturelle Anbindung zur Verbesserung der Erreichbarkeit tragen weiter zum Markenaufbau bei. „Eine ähnliche Strategie wäre auch für Linz und Oberösterreich wünschenswert", so der IV OÖ-Geschäftsführer: „Der Zentralraum Linz - Wels - Steyr ist ein industrielles Kraftzentrum von europäischer Bedeutung. Eine gemeinsamer internationaler Auftritt muss der nächste Schritt sein!"



IV OÖ-Geschäftsführer
IV OÖ-Geschäftsführer




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